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Erfahrungsbericht: Mein erstes Jahr in Korea
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StillerBeobachter #1
Mitglied seit 08/2018 · 1 Beitrag
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Betreff: Erfahrungsbericht: Mein erstes Jahr in Korea
Vorwort:
Ich habe die letzten ca. 2,5 Jahre hin und wieder hier ins Forum geschaut und einige nuetzliche Hinweise und interessante Einblicke gewonnen.
Ich lebe jetzt seit mehr als einem Jahr in Korea und wollte meine Erfahrungen mit dem Forum teilen, um etwas zurueckzugeben ;)
Ich hoffe, dass ich einigen Leuten weiterhelfen kann, die in einer aehnlichen Situation sind und bin gerne bereit Fragen bezueglich meiner Erfahrungen zu benantworten.

ACHTUNG: Die Ausfuehrungen hier sind meine persoenlichen Erfahrungen und beinhalten teilweise meine Subjektive Meinung.

Motivation:
Da ich keinerlei Interesse an K-Pop oder K-Drama habe, war meine Hauptmotivation natuerlich eine Frau ;), die ich vor knapp 5 Jahren in Deutschland kennengelernt habe.
Nach 3 Jahren Beziehung (davon 2 Jahre Fernbeziehung) und 3 Koreareisen (jeweils 2 Wochen) habe ich mich entschlossen auf gut Glueck nach Korea zu ziehen.

Zu meiner Person:
Oder eher gesagt "meine Ausbildung", da diese sehr wichtig ist in Korea. Ich hatte einen Master of Science in Informatik und 4 Jahre Berufserfahrung (3 als Werkstudent) als Softwareentwickler vorzuweisen.
Meine Sprachkentnisse (koreanisch) waren quasi nicht vorhanden. Natuerlich konnte ich Hangeul lesen und Bier bestellen, aber das wars auch schon.

Vorbereitung:
Im Januar letzten Jahres habe ich mich entschieden nach Korea zu gehen und fuer Mai die Flugtickets gebucht. Der Rueckflug war auf 89 Tage nach Ankunft datiert (fuer den Fall der Faelle).
Dann habe ich die erforderlichen Behoerdengaenge erledigt (Abmeldung des Wohnsitzes, Krankenversicherung, ...).
Fuer ca. 2 Monate habe ich online Jobs in Korea gesucht. Ich muss zugeben, dass ich nur halbherzig gesucht habe und auch nicht wirklich was gutes gefunden habe.
Dann habe ich mir noch fuer die ersten 30 Tage ein Zimmer in einem Hostel gebucht.
In Deutschland habe in einer WG gewohnt und generell auch keine grossen Besitztuemer gehabt. Der Umzug konnte also mit einem grossem Koffer und 2 Handgepaeckstuecken bewaeltigt werden.

ACHTUNG:
Mir ist bewusst, dass meine Vorbereitungen sehr naiv und auch nicht ausreichend waren. Deswegen wollte ich noch anmerken, dass ich vor meiner Abreise ca. 15.000 Eur auf dem Konto hatte, mein Rueckflugticket gebucht war und es nicht so schwer ist als Softwareentwickler (mit abgeschlossenem Studium) einen Job in Deutschland zu finden. Ich habe also nicht einfach alles Aufgegeben, sondern war mir stets bewusst das mein Projekt "Auswandern" auch nur ein 3 monatiger Aufenthalt in Korea sein kann.

Jobsuche in Korea:
In Korea habe ich ueber diverse Jobportale nach Arbeitgebern gesucht. Die Jobportale wurden mir von Koreanern empfohlen, die ich durch meine Freundin kannte. Ich habe in 4 Wochen ca. 50 Bewerbungen verschickt und NICHT EINE! Antwort erhalten, obwohl mein Lebenslauf mehr als qualifizert fuer die angebotenen Jobs war. Nebenbei habe ich noch Kontakt mit diversen Headhuntern gehabt. Nach 4 Wochen bekam ich endlich eine Mail.
Diese war von dem Jobportal, dass mich darauf hingewiesen hat, dass es nach den Richtlinien in Korea mir nur erlaubt ist dieses Jobportal zu nutzen, wenn ich ein F-Visum (Dauerhafter Aufenthalt oder Ehegatte?) besizte.

Neben den Bewerbungen auf Jobportalen, bin ich in meiner freien Zeit (von der reichlich vorhanden war ;)) zu Meetups gegangen, um dort Leute kennenzulernen.
Auf einem Meetup habe ich einen sehr netten Koreaner kennengelernt, der mir seine Hilfe angeboten hat. Er hat ein paar seiner Freunde angeschrieben und die haben wiederum ihre Freunde angeschrieben ...
Zum nachsten Meetup kam einer dieser Freunde und hat sich mit mir unterhalten. Wir haben unsere Kontaktdaten ausgetauscht und eine Woche spaeter bekam ich eine E-Mail von seinem Chef.
Nach einer kurzen Unterhaltung am Telefon, haben wir uns in einer Bar in Itaewon zum "Vorstellungsgespreach" getroffen und am nachsten Tag habe ich meine neuen Kollegen kennengelernt.

Arbeiten in Korea:
Ich arbeite in einem koreanischen Start-Up (20 Mitarbeiter), das von einem Amerikaner mit koreanischen Wurzeln gefuehrt wird. Mein Chef setzt auf das Prinzip "Freiheit und Verantwortung". Das Bedeutet:
Ich habe relativ freie Arbeitszeiten, kann von zu Hause arbeiten und Urlaub nehmen wann ich will. Das Bedeutet auch, dass ich auch mal 16 Std. arbeite oder zu Hause nach 9 Std. im Buero noch etwas mache, wenn
viel zu tun ist. Auf der anderen Seite ist es aber auch kein Problem mal fuer ein paar Tage Urlaub zu nehmen oder ein paar Stunden spaeter ins Buero zu kommen, wenn Projekte erfolgreich beendet wurden oder etwas
weniger ansteht. Ich muss dazu sagen, dass mir meine Arbeit sehr viel Spass macht und ich auch in Deutschland regelmaessig (freiwillig und ohne Bezahlung) laenger gearbeitet habe. Meine Kollegen sprechen alle Englisch und
Meetings werden zu 80% auf Englisch gefuehrt.
Ich habe ein E-7 Visum, um das sich mein Arbeitgeber vollstaendig gekuemmert hat. Ich musste nur ein paar Formulare ausfuellen und fuer 3 Tage nach Japan, da ich den Visumsantrag in einer koreanischen Botschaft
im Ausland einreichen musste.

Leider kann ich dadurch nicht berichten, wie es in einem traditionellem koreanischen Unternehmen zugeht. Allerdings habe ich viele Leute gefragt und die bestaetigsten mir zum Grossteil, was ich hier im Forum gelesen habe.

Wohnen in Korea:
Nach den ersten 4 Wochen im legalen Guesthouse, 2 Wochen in einem illegal Guesthouse (andere Geschichte...), 1 Woche im Hotel und ein paar Naechten bei meinem Chef auf der Couch war es endlich soweit fuer meine
eigene "Wohnung". Es war ein Officetel (moeblierte 1-Zimmer Wohnung) an einer der Vielbefahrenen Strasse in Sinchon. Fuer 27qm habe ich ca. 850.000 Won Warmmiete gezahlt. Nach der anfaenglichen Euphorie
und einem kaltem Winter wurde mir aber ganz schnell klar, dass die Wohnqualitaet in Seoul nicht sehr gut ist. Ich stamme aus normalen Verhaeltnissen, aber der Standart hier ist in keinster Weise
mit dem in Deutschland zu vergleichen. Z.B. gibt es sowas wie Thermoisolierung hier einfach nicht, die Waende sind (gefuehlt) aus altem Zeitungspapier und durch geschlossene Fenster kommt jede Menge Laerm.
Durch lautstarke Nachbarn (Lautes Geschrei,...) bis morgens um 5 in der Woche, hatte ich auch einige schlaflose Naechte. Nachdem ich mich bei meinen Nachbarn beschwert habe (was wohl sehr ungewoehnlich ist in Korea)
und ich mit denen 3 Flaschen Soju getrunken habe, hat sich das etwas gebessert. Aus Fehlern lernt man ja bekanntlich und jetzt lebe ich in einem ruhigen Officetel mit normalen Waenden auf 34qm fuer ca. 950.000 Won Warmmiete.

Leben in Korea:
Seoul ist sehr laut, voll mit Menschen und teilweise sehr dreckig. Daran muss man sich gewoehnen. Die Kultur ist eine andere und das bemerkt man deutlich im Alltag.
Waehrend man in Deutschland Freunde zu sich nach Hause einlaed und mal gemuetlich ein paar Bier trinkt sind hier alle Leute immer unterwegs und treffen sich im Cafe oder im Restaurant.
Es ist sehr schwer ohne Koreanischkentnisse sein Leben zu organisieren. Viele Menschen sprechen oder wollen kein Englisch sprechen. Formulare und Vertrage gibt es in den meisten Faellen nur auf Koreanisch.

Mein Freundeskreis besteht zur Mehrheit aus nicht-Koreanern. Das liegt daran, dass ich mit vielen Koreanern einfach nicht richtig warm werde. Ich kann es nicht genau erklaren, aber bei vielen
sind die Ansichten oder das Verhalten fuer meine Empfindnisse einfach Merkwuerdig (das gilt nicht fuer alle Koreaner!). Es gab auch Zeiten, in denen ich ernsthaft daran gedacht habe wieder nach Deutschland zu gehen,
weil ich das Leben dort vermisst habe (und immernoch tue). Das Leben in Deutschland ist einfacher und entspannter.

Mittlerweile habe ich einen kleinen Freundeskreis in dem ich mich wohlfuehle (inklusive Koreanern ;)). Mit Leuten, mit denen ich auch mal einen entspannten Abend verbringen oder auch mal die Sau rauslassen kann. Am meisten geniesse ich natuerlich die Zeit mit meiner Freundin. Sie ist auch der Grund, warum ich nicht sofort aufgegeben habe und die schlechten Zeiten gut ueberstanden habe.

Abschliessende Bemerkung:
Ich denke, dass ich grosses Glueck bei meiner Jobsuche gehabt habe und ich kann jedem empfehlen Kontakte zu knuepfen, um ueber Vitamin B an Arbeitsgeber heranzukommen. Der herkoemmlich Weg ueber Bewerbung auf Stellenauschreibung scheint ohne Visum und Koreanischkentnisse sehr schwierig zu sein, auch wenn man eine gute Ausbildung und Erfahrung hat. In meiner Firma habe ich ca. 30 Telefoninterviews und Vorstellungsgespreache mit Bewerbern gehabt.
Dadurch kann ich einen weiteren Tip geben: Uebertreibt in eurem Lebenslauf! Ich habe teilweise Bewerbungen gesehen, die fernab von jeglicher Realitaet waren und ich fast schon als Luegen bezeichnen wuerde.
Desweiteren muss ich sagen, dass die Qualitaet der Bewerber nicht sehr hoch ist. Natuerlich bevorzugen viele Koreaner in grossen und namenhaften Unternehmen zu arbeiten und nicht in einem kleinem Start-Up, aber
bei sehr vielen Bewerbern (mit abgeschlossenem Studium) waren fundamentale Wissensluecken vorhanden.

Weiterhin kann ich jedem Auswanderer nur empfehlen eine Kontaktperson in Korea zu haben, der ihr zu 100% vertrauen koennt. Ohne die Unterstuetzung von meiner Freunding und ihrer Familie waeren viele Dinge
sehr viel schwieriger, wenn nicht sogar unmoeglich gewesen. Vor allem wenn es um Vertrage, Reperaturarbeiten im Haus, Arztbesuche,... geht.

Alles in allem fuehle ich mich wohl in Korea und ich denke, dass ich noch 2-3 Jahre hier bleiben werde. Das letzte Jahr war eine riesen Erfahrung fuer mich. Ich kann mir aber (z.Z.) nicht vorstellen hier fuer immer zu leben.
Dieser Beitrag wurde am 08.08.2018, 17:36 von StillerBeobachter verändert.
Ruhrgebiet #2
Mitglied seit 08/2013 · 2 Beiträge
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Danke für das Teilen deiner Erfahrungen in Korea
Pikachu #3
Mitglied seit einer Woche · 4 Beiträge
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Betreff: Danke~
Ich danke Dir, für so einen ausführlichen Erfahrungsbericht.
Ich denke das es mir um so einiges weiter helfen wird. Und ganz ehrlich, man bekommt Da schon so ein murmeliches Gefühl , aber man sieht die Dinge dadurch einfach realistischer.

Wenn es möglich wäre, könnte ich dir noch einpaar fragen stellen?

Trotzdem nochmals Danke ^^
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