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Arbeitskultur in Korea
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avmsterdam #1
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Betreff: Arbeitskultur in Korea
Ich bin von vielen Aspekten des Landes Korea begeistert und erwäge daher, nach einer ausgiebigen Reise um das Land vielleicht auch einige Zeit dort zu arbeiten.

Nun ist aber bekannt, dass die Arbeitskultur in Korea eine der schlechtesten unter den hochentwickelten Ländern ist.

Vor Kurzem hat die koreanische Regierung beschlossen, die zulässigen Arbeitszeiten auf 52 Stunden pro Woche zu senken.
Quelle z. B. https://www.theguardian.com/world/2018/mar/01/south-korea-cuts-inhumanely-long-68-hour-working-week
Das ist dahingehend schockierend, dass
a.) bis vor Kurzem noch 68 Stunden möglich waren
und b.) auch 52 noch immer eine sehr hohe Zahl sind.
Man bedenke, dass in Deutschland bereits in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts 48 üblich waren.

Die Härte des Arbeitslebens in Korea beschränkt sich angeblich nicht auf die langen Arbeitszeiten, sondern äußert sich auch in sehr autoritärem Führungsstil, kaum rechtlichem Schutz, kaum Urlaubsanspruch, schwachen Gewerkschaften und hohem Leistungsdruck. Die höchste Suizidrate der Welt hat sicherlich etwas damit zu tun.

Die Arbeitskultur ist ebenfalls nicht nur auf den Arbeitsplatz beschränkt, sondern fängt schon bei Kindern im Grundschulalter an. Schon hier werden private Nachhilfelehrer angeheuert, damit das Kind es später auf eine der besseren Unis schafft. Gegen deren Leistungsdruck ist selbst das härteste (bayerische) Abitur nichts. Das finde ich besonders bedrückend, dass die Leistungserwartung vor den eigenen Kindern nicht Halt macht. 


Nun ist alles, was ich gehört habe, bloßes Hörensagen. Von Bekannten, die einmal in Korea waren, aber auch von Koreanern selbst.

Was könnt ihr zum Thema sagen? Wie schlimm ist die Arbeitskultur wirklich? Sollte man sich wegen ihr davon abhalten lassen, dort Fuß fassen zu wollen?
Flo-ohne-h (Moderator) #2
Mitglied seit 07/2009 · 1971 Beiträge · Wohnort: 深圳
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Zitat von avmsterdam:
Vor Kurzem hat die koreanische Regierung beschlossen, die zulässigen Arbeitszeiten auf 52 Stunden pro Woche zu senken.
Das ist dahingehend schockierend, dass
a.) bis vor Kurzem noch 68 Stunden möglich waren
und b.) auch 52 noch immer eine sehr hohe Zahl sind.
Man bedenke, dass in Deutschland bereits in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts 48 üblich waren.

Anders als in D gibt es einen massiven Unterschied zwischen Arbeitszeit und Präsenzzeit am Arbeitsplatz. Ein Student hat sich bei mir einmal beklagt, daß sein Prof. verlangt, er solle (wie alle anderen Studenten auch) von 9-22 Uhr von Mo-Sa im Labor anwesend sein. Gleichzeitig beklagen sich die Studenten bei ihrem Professor über die hohe Arbeitsbelastung, während sie in Wahrheit die meiste Zeit des Tages verratschen, verschlafen und mit den Handys verplempern. Es kommt weniger auf die tatsächliche Leistung als auf die präsentierte Leistung, die man unbedingt hochhalten will, d.h. lange arbeiten und immer beschäftigt erscheinen.

Es klingt vllt. etwas hart, aber ich bezweifle, daß Koreaner besonders hart aber dafür besonders lange arbeiten und den größten Teil ihres Soziallebens am Arbeitsplatz haben.

Bei einer großen Firma sind mit Schilder ins Auge gestochen, in denen eine Dienstanweisung an alle gezeigt wurde, daß die Chefs ihre Angestellten nicht in mehr als ein Restaurant/Norebang/... nötigen dürfen und nur bis 21:00. Das ist obendrein auf einmal pro Woche beschränkt. Meine Kontaktpersonen in der Firma erzählten mir noch den Witz, daß koreanische Väter nicht wüßten wie hochgewachsen ihre Kinder seien sondern nur wie viel Platz sie schlafend im Bett einnehmen.

Die Härte des Arbeitslebens in Korea beschränkt sich angeblich nicht auf die langen Arbeitszeiten, sondern äußert sich auch in sehr autoritärem Führungsstil, kaum rechtlichem Schutz, kaum Urlaubsanspruch, schwachen Gewerkschaften und hohem Leistungsdruck. Die höchste Suizidrate der Welt hat sicherlich etwas damit zu tun.

Das Führerprinzip ist ziemlich ausgerpägt und idR sind den Chefs die Regeln relativ egal, es wird einfach angeordnet, daß die Untergebenen die Regeln brechen müssen. Der Urlaubsanspruch ist relativ niedrig, aber wichtiger ist noch die Frage, ob man ihn denn auch auszunutzen wagt.

Der Leistungsdruck kommt zum gewissen Teil auch durch den übermäßigen Konsum der - häufig gelangweilten - Ehefrauen, die ja als Hausfrau die Kindererziehung übernehmen müssen und man häufig dafür v.a. für Hagwons ein kleines Vermögen ausgeben muß. Dazu kommen die sozialen Zwänge durch das Statusdenken, das extrem teuer werden kann. Deshalb ist die Privatverschuldung in Korea mittlerweile höher als in USA.

Die Arbeitskultur ist ebenfalls nicht nur auf den Arbeitsplatz beschränkt, sondern fängt schon bei Kindern im Grundschulalter an. Schon hier werden private Nachhilfelehrer angeheuert, damit das Kind es später auf eine der besseren Unis schafft. Gegen deren Leistungsdruck ist selbst das härteste (bayerische) Abitur nichts. Das finde ich besonders bedrückend, dass die Leistungserwartung vor den eigenen Kindern nicht Halt macht. 

Das ist leider eine Tatsache und gerade Kinder zerbrechen daran und das ist ein weiterer Grund für die höchste Suizidrate der Welt.
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InZain #3
Mitglied seit 09/2012 · 513 Beiträge · Wohnort: Jungrang-Gu
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Die 68-Stunden waren doch nur eine Möglichkeit in Absprache zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, oder? (Das dies manche ausnutzen von Arbeitgeberseite her ist auch klar. Passiert selbst auch in DE, denn jeder Mensch ist leicht ersetzbar)
Es soll sogar welche geben die sich beschweren, dass dies nicht mehr möglich ist. :D

Ich würde sagen du kannst doch gerne in Korea arbeiten und gucken wie es ist. Du kannst doch nie vorher sagen wie es ist oder wird. Deine eigenen Erfahrungen können sogar besser sein als die der anderen, oder schlechter.

Jedenfalls sind deine eigenen Erfahrungen die wichtigen, nicht die der anderen.
AnfangMitAllem #4
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Hallo,

mein ganzes Team besteht nur aus Koreanern, inklusive Chef und Chef-Chef. Ich habe täglich mit Korea Meetings. Unser Standort ist zu 75% Koreanisch, inklusiver naehzu aller Entscheider, HR und Geschäftsführung.

Mein Eindruck: Ja, es stimmt, in Korea ticken die Uhren etwas anders. Teilweise erreiche ich dort Kollegen noch um 19, 20, 21 Uhr oder sogar noch später.

Über den Rest lässt sich doch sehr streiten. Wahrscheinlich werde ich von Koreanern/-innen und evtl. auch Korea-Fanboys/-girls angefeindet aber:

Mein Eindruck ist, und den teile ich mit den meisten Kollegen, die Nichtkoreaner sind, dass beileibe nicht so heiß gegessen wird, wie gekocht wird.

Hier mal so meine 2 Cents:
1. Die Definition von Leistung ist Arbeit pro Zeit. Korea hat zwar mit die längsten Arbeitstage, aber auch mit die geringste Produktivität. In der langen Zeit, die "gearbeitet" wird, wird erschreckend wenig geleistet. Und das ist kein subjektives Korea-Gebashe. GM Korea hat große Teile der dortigen Produktion wieder outgesourct, nachdem Daewoo übernommen wurde (obwohl Kapazität vorhanden ist), weil der Anteil der Lohnkosten am Endprodukt sehr hoch ist. In Korea gibt es neben der niedrigen Produktivität eben auch sehr viele Streiks. Viel ist übrigens nach Mexiko gegagen.

2. Ich wiederhole, Leistung ist Arbeit pro Zeit. Während mancher Deutscher in nem IG-Metall-Unternehmen lockere 35 Stunden hat (über die Koreaner sich ja trefflich amüsieren können; frei nach dem Motto, wie faul die alle doch wären), gehe ich jede Wette ein, dass er durchschnittlich in der Zeit mehr reißt, als der durchschnittliche koreanische Konzernfuzzi, der 50 Stunden buckelt. Da wird Smalltalk gehalten, Stunden (!!!) am Handy verdaddelt, im Internet gesurft (ebay, amazon, gmarket), Urlaube gebucht, nach Autos recherchiert, ausgiebig Kaffeekränzchen gehalten und allgemein ne äußerst ruhige Kugel am Arbeitsplatz geschoben: Man muss ja sowieso so lange da bleiben - zumindest so lange wie der Chef! Wenn die Uhr dann 15 oder 16 Uhr schlägt, wird man dann aber richtig aktiv. Böse Zungen würden sagen: Am Abend wird der Faule fleißig. Aber das will ich den Koreanern beileibe nicht unterstellen.

3. Korea hat viel mehr Feiertage als Deutschland, nicht vergessen. In Niedersachen gibt es 9 Feiertage, Korea hat 18 oder 19 Tage. Dazu kommt, z. B. in unserer Firma 2 weitere firmenweite Feiertage wie "founding day" oder sowas. Also wirklich nicht von schlechten Eltern. Rechne ich mit 26 Urlaubstagen in Niedersachen und 9 gesetzlichen Feiertagen komme ich auf 35 freie Tage im Jahr, in Korea mit 19 gesetzlichen Feiertagen, 12 Urlaubstagen und 1 Firmenfeiertag auf 32 freie Tage im Jahr - nicht viel weniger. Zudem Korea mit Seollal und Chuseok zwei Feste hat, die ähnlich wie Ostern "länger" am Stück sind.

4. Koreaner sind unglaublich larmoyant, was ihre Arbeit angeht.
Das heißt, dass unglaublich viel gejammert und sich beschwert wird. Nicht beim Chef, Gott bewahre, aber jedem Kollegen wird erstmal ausgiebigst erzählt, wie schwer man es doch hat. Dann ruft man sogar andere Kollegen an und weint sich aus und beweihräuchert sich gegenseitig, dass man doch ein ganz tapferes Schneiderlein ist und man es ja ach so schwer hat. Das kann schon mal ne halbe bis ganze Stunde gehen, bevor mit der eigentlichen Arbeit angefangen wird. Das Anfangen an sich dann begleitet durch für jeden hörbaren "미치겠다.. 아... 싫어" und so weiter. Also nicht alles glauben, was so erzählt wird.

5. Man kann überhaupt nicht priorisieren. Es ist immer das am dringlichsten, was als letztes reingekommen ist. Man ist tierisch stolz auf 빨리 빨리, im Endeffekt kommen bei diesem Balli-Balli aber häufig unausgegorene Hau-Ruck-Aktionen raus, mit denen im Nachhinein weder man selbst noch der Kunde glücklich ist. Das äußert sich dann in teilweise widersprüchlichen oder schlicht falschen Angaben oder Reports, weil alles mit der heißen Nadel gestrickt wurde. Und mit falsch ist nicht mal Rechtschreibung oder Formatierung der Dokumente gemeint, die in den meisten Fällen auch nur Grütze sind. Es kommt auch zu Klassikern wie dubiose Vertragsnachverhandlungen, die beim Kunden mehr als nur ein Hochziehen der Augenbrauen zur Folge haben. Man hat überhaupt irgendwie keine Ahnung wie andere, insbesondere Westler, ticken und es ist einem auch irgendwie egal: O-Ton: "Das Angebot, das wir Ihnen gesendet haben, war ja nur eine unverbindliche Empfehlung...", "... daher die +40% auf den ursprünglichen Preis." Ja... das erzähl mal einem deutschen Mittelständler, der Angebote kriegt, die selbstverständlich 60 Tage gültig sind. Sonst kann er ein Angebot ja auch nicht gebrauchen, da er darauf fußend ja seine eigenen Kalkulationen anstellt und evtl. auch ein eigenes Angebot schreibt (wenn er z. B. selber Zulieferer ist).

6. Es wird ein unnötiger Personenkult betrieben um irgendwelche 책임님 oder 과장님 oder 부장님 oder wen auch immer. Meistens sind das relativ lockere Persönlichkeiten, aber es wird ein ungeheurer, beinahe lächerlich anmutender Aufwand betrieben, um diese Personen zu "beeindrucken". Solche Mätzchen kosten natürlich nicht nur jede Menge Geld, sondern auch Zeit. Wenn nur halb so viel Aufwand für das eigentliche Tagesgeschäft und sorgfältges Lesen von Spezifikationen, Verträgen, Lieferbedingungen betrieben würde...

Mein Rat: Mach' dir dein eigenes Bild, lass' dich nicht einschüchtern.
Was jedoch feststeht, auch wenn von mir Gesagtes einen anderen Anschein erweckt (und vllt. auch übertrieben ist):
Koreaner leiden unter dieser Arbeitsbelastung und können doch diesen Zwängen aufgrund verschiedener Umstände nicht entkommen. Für uns in unserer Gesellschaft ist es relativ leicht, nach 17 Uhr den Hammer fallen zu lassne. In Korea geht das nicht (so leicht). Auch wenn Koreaner vielleicht nur wie "wir" effektiv 7 Stunden von ihren 14 Stunden, die sie auf der Arbeit hocken, richtig arbeiten, die Zeit ist auch für sie für immer verloren. Die wenige Ruhe, die vielen Zwänge, der Druck, das ständige Erreichbar-Sein... kein Wunder, dass die Scheidungs-, Burn-Out- und Suizidrate so hoch ist. Leider...

Gruß
Flo-ohne-h (Moderator) #5
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@AnfangMitAllem: Ich habe zwar nie in einer kor. Firma sondern an einer kor. Uni gearbeitet, aber da geht es ähnlich zu, auch wenn ich dank akademischer Unabhängigkeit zumindest größtenteils mein eigener Chef sein konnte.

Von dem, was ich in Firmen mitbekommen habe, glaube ich Deine Ausführungen sofort.
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